[no monolouge] Vorurteile

Ich bin hin und her gerissen. Auf der einen Seite denke ich, dass Vorurteile etwas Schlechtes sind. Wer fühlt sich schon gut, wenn man von jemanden, der einen nicht kennt, verurteilt wird? Aber auf der einen Seite glaube ich, dass sie eine Funktion in unserer Gesellschaft erfüllen. Sonst würde es sie ja nicht geben.

Wenn ich jemanden von meinem Studium erzähle, fragt mich ein Großteil, ob ich später Taxi fahren will. Und überhaupt lernt man in meinem Studiengang nichts. Man redet einfach die ganze Zeit und bekommt die Scheine hinterher geschmissen. Es nervt. Aber ich nehme das den Leuten nicht übel. Sie haben einfach keine Ahnung. Woher auch, wenn sie bis jetzt niemanden kennen, der Soziologie studiert, und bis jetzt nur mit den Klischees konfrontiert worden sind? Solange die Person nicht krampfhaft daran festhält ist alles gut. Aber wenn sie mir dann erzählen will, wie mein Studium aussieht, hört der Spaß auf.

Ich glaube nicht daran, dass wir in einer vorurteilsfreien Welt leben werden. An die Stelle von alten Vorurteilen werden neue Vorurteile rücken. Deshalb finde ich es wichtig, dass man sich bewusst wird, dass es nur Vorurteile sind und dass es nicht die Realität ist. Man sollte offen sein und dazu lernen. Man sollte sich von den Vorurteilen nicht beeinflussen lassen. Und man sollte mit den Vorurteilen rechnen und sein Verhalten anpassen.

Das klingt hart. Wieso sollte man sich anpassen, wenn jemand anders Vorurteile hat? Wir wollen doch alle so akzeptiert werden wie wir sind ohne uns verstellen zu müssen. Wir wollen für unsere Art, für unseren Charakter gemocht werden. Das Aussehen sollte keine Rolle spielen. Aber das tut es.

Ich gucke ab und zu die Serie "How do I look" auf Sixx. Ich erkläre kurz, was das für eine Serie ist. Die Promi-Stylistin Jeannie Mai führt eine Makeover-Serie und verwandelt Menschen zu "Modeschwämmen".
Klingt hart. Aber die Teilnehmer haben das Umstyling nötig, da ihre Klamotten ihnen im Weg stehen. Zuerst gibt es ein persönliches Gespräch, in dem Jeannie mehr über die Person erfahren möchte. Wer ist das hässliche Entlein? Wieso ist sie so, wie sie ist? Was sind ihre Ziele? Ist sie glücklich mit ihrem Leben? Was belastet sie? Wieso hat sie ihre Ziele noch nicht erreicht? Natürlich gibt es auch direkte Kommentare über die Klamotten, das Haar und die Accessoires.
Nachdem Gespräch gehen sie in einen anderen Raum, in dem zwei Freunde und ein Profi-Stylist warten. Diese Freunde sind es auch gewesen, die Jeannie um Hilfe gebeten haben. Zuerst erzählt der Profi-Stylist, der jede Sendung wechselt, was sein erster Eindruck ist. Danach sagen die Freunde, wie sie das Aussehen und die Einstellung finden. Sie erzählen, wie ihre Beziehung durch das Aussehen belastet wird, welche Konsequenzen das hat. Und ja, es fließen Tränen, weil sie die Person mögen aber das Aussehen und die Kleiderwahl einfach so viel zerstört.
Danach gibt es ein Experiment, in dem gezeigt wird, welche Wirkung die Klamotten auf fremde Menschen haben. Das ist meistens der Moment, in dem die Person merkt, wie viel sie mit ihren Klamotten und mit ihrer Einstellung zerstört.

Du möchtest mit Jugendlichen arbeiten? Dann lass deine Brüste und deinen Hintern nicht raus hängen.
Du möchtest einen Job? Dann solltest du nicht in einem löchrigen und ausgewaschenen Schlafanzug draußen herumlaufen.
Du möchtest die Karriereleiter hochkommen? Dann ziehe dich nicht wie ein 16-jähriger Teenager an.
Du möchtest einen Partner in deinem Alter finden? Dann hör auf die Klamotten deiner Oma anzuziehen.

Es klingt oberflächlich. Es ist oberflächlich. Es ist menschlich.
Wir alle urteilen über Menschen, auch wenn wir sie nicht kennen. Das passiert oft unbewusst.

Stellt euch vor euch kommt auf der Straße eine Person entgegen, die eine sehr knappe Shorts an, so dass man fast ihren ganzen Hintern sehen kann. Ihr Ausschnitt ist sehr tief. Die Klamotten sind sehr figurbetont. Wenn sie sich hinsetzt, kann man die Unterwäsche sehen.
Ich bin mir sicher, dass die meisten denken würde, dass sie im horizontalem Gewerbe tätig ist. Keiner würde denken, dass das eine liebvolle Mutter von zwei Kindern ist.

Stellt euch vor, ihr habt eine Firma und braucht neue Angestellten. Zum Bewerbungsgespräch kommt jemand in einer herausgewaschenen, durch löcherten und viel zu großen Klamotten. Stellt ihr sie ein? Wahrscheinlich nicht. Könntet ihr euch vorstellen, dass eine Person, die so wenig auf ihr Aussehen achtet, sich bei der Arbeit Mühe geben würde? Nicht wirklich, oder?

Stellt euch vor, ihr seht ein blondes Mädchen, die modisch gekleidet ist und gut aussieht. Auch sie wird verurteilt. Auch sie muss damit leben, dass fremde Menschen nicht glauben, dass sie Informatikerin ist. (Nadine erzählt in diesem Post von ihren Erfahrungen in der Informatikbranche)


Es ist furchtbar, dass wir Menschen verurteilen. Ich bin mir sicher, dass sich viele Mühe geben und sich nicht von Vorurteilen leiten lassen. Dann denkt man eben "Okay, sie sieht zwar nicht sympathisch aus aber vielleicht ist sie ja trotzdem eine nette Person mit einer tollen Persönlichkeit". Das ändert aber nichts daran, dass wir die Person bereits in eine Schublade gesteckt haben. Es ist gut, wenn etwas bewusst dagegen gemacht wird. Aber man muss auch bereit sein und eine Möglichkeit haben, dieser Person eine zweite Chance zu geben.

Die letzte Folge von How do I look, die ich geguckt habe, hat mich sehr berührt. Es ging um eine Frau, die sich nicht schön findet. Sie trägt Männerklamotten, weil sie überzeugt davon ist, dass Frauenklamotten in ihrer Größe nicht gut aussehen. Sie sagt selbst, dass sie hässlich ist. Sie sagt, dass sie sich damit abgefunden hat, weil es schon immer so war. Dabei findet ihr Mann sie wunderschön. Auch ihre Kinder und ihre Schwester. Die Frau war schön. Sie hatte einfach nur Kleidung an, die zu groß und dreckig war.

Ich werde verurteilt. Du wirst verurteilt. Wir alle werden verurteilt. Wenn diese Vorurteile im Weg stehen, sollte man sich fragen, ob die Klamotten es wert sind, so stark an ihnen festzuhalten. Neue Klamotten machen uns zwar nicht zu einem anderen Menschen. Aber sie sorgen dafür, dass wir anders wahrgenommen werden. Das meinte ich, als ich schrieb, dass wir uns an die Vorurteile anpassen sollen. Als Mutter sollte man nicht in einem Minirock und einem tiefen Ausschnitt mit seinem Kind auf dem Spielplatz gehen, da die Klamotten in einem Club besser aufgehoben sind etc.

Ich bin mehr als meine Kleidung. Der Rest der Menschen auch. Deshalb finde ich es richtig, Klamotten aufzugeben, wenn sie eine Belastung darstellen. Denn die können wir ändern. Wir können nicht die ganze Menschheit ändern. Aber wir können dafür sorgen, dass wir so wahrgenommen werden, wie wir sind. Wir können dafür sorgen, dass man unsere tolle Persönlichkeit auch sieht.

Aber genug zum Thema Klamotten. Es gibt schließlich Vorurteile, die nichts mit unserem Kleiderschrank zu tun haben. Die Flüchtlinge kommen nach Deutschland, weil sie keine Lust zu arbeiten haben. Sie nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg. Veganer sind intolerant und halten sich für etwas Besseres. Frauen können nicht parken. Blondinen sind dumm. Alle Männer wollen nur Sex. Studenten sind faul und saufen nur. Und so weiter. Die Liste ist unendlich lang. Bei solchen Vorurteilen bin ich mir sicher, dass wir es irgendwann schaffen werden, sie abzubauen, indem wir offen und tolerant gegenüber anderen Menschen sind. Wenn wir uns umgucken sehen wir auch, dass diese Vorurteile einfach nichts mit der Realität zu tun haben. Ich bin mir sicher, dass wir das auch wissen.

Ich schrieb, dass Vorurteile eine Funktion erfüllen. Sie helfen uns, sich in unserer immer komplex werdender Welt zurecht zu finden. Wir wissen, dass ein Arzt einen Kittel trägt. Wir wissen, welche Uniform ein Polizist und ein Feuerwehrmann tragen. Wir ordnen die Menschen aufgrund ihrer Kleidung einer Berufsgruppe zu. Es ist manchmal eben hilfreich, auf seine Erfahrung zurück zu greifen. Vorurteilen erleichtern nicht nur die Orientierung in einer Gesellschaft, sondern ermöglichen auch eine schnelle Anpassung an die soziale Umgebung mit ihren eignen spezifischen Werten, Normen und Handlungsmuster. Natürlich haben sie auch eine Abwehrfunktion, um Schuldgefühle zu bewältigen oder innere Konflikte zu verdrängen. Durch Abwertung von Personen und Gruppen kann die Selbsteinschätzung positiv beeinflusst werden. Teilweise sind Vorurteile sozial erwünscht und sind Teil von Selbstdarstellung. Vorurteile, die man mit anderen Personen teilt, verstärken das Gemeinschaftsgefühl und fördern die Zusammengehörigkeit. Es gibt eine klare Abgrenzung. Ach, und natürlich helfen Vorurteile das Handeln zu rechtfertigen. (Ich frage mich gerade, wieso ich in den Vorlesungen zum 5. mal die klassische Konditionierung erklärt bekomme aber auf die Bedeutung und Funktion von Vorurteilen in der Gesellschaft nie eingegangen worden ist?!)

Sorry, der Text ist ziemlich ausgeartet.
Vorurteile sind scheiße. Ich hasse es, wenn eine Person, die mich nicht kennt, dann so tut, als ob sie alles über mich weiß. Das geht euch bestimmt auch alles so. Aber ganz ehrlich? Wir stecken doch immer Menschen in Schubladen. Es wäre schön, wenn sich das ändert. Aber so ein gutes Bild von Menschen habe ich leider nicht. Wir müssen lernen damit umzugehen. Entweder indem wir gegen bestimmte Vorurteile ankämpfen oder indem wir sie akzeptieren und für unsere Zwecke benutzen. Der letzte Teil des Satzes bezieht sich nur auf die Klamotten.



In den nächsten Tagen findet ihr noch mehr Beiträge zu dem Thema Vorurteile: 

30.6 Clarabour
1.07 Umecken

1 Kommentar:

  1. Ein sehr umfassender Beitrag, schön geschrieben! Meine Gedanken dazu ... http://www.uneprisedeluxe.com/short-story/une-prise-de-ca-menerve/

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